Von Matthias Penzel
Im Nachhinein betrachtet war es eine komische Zeit. Kann gut sein, dass die Zeit, wenn man gerade flügge geworden ist, von zu Hause weg, eigene Haushaltskasse, selbständige Entscheidung, wie viel Geld für eine Jacke ausgegeben wird, wie viel für Platten und wie viel für Knäckebrot, kann gut sein, dass so eine Zeit im Nachhinein immer komisch aussieht. Also auf Fotos, mit Plateausohlen oder Pilzkopffrisur, bei anderen vielleicht mit lila Latzhosen oder die Haare im Look eines Bienenstocks, vielleicht mit Goatee oder Gel. Jedenfalls war es 1987, und in der Musik gab es nicht eine vorherrschende Richtung.
Ich kann mich beim besten Willen nicht an die Hits des Jahres erinnern - wohl auch, weil ich zu der Zeit überhaupt kein Radio mehr hörte. Ich war in dem Alter, in dem man noch große Entscheidungen fällt und die dann durchzieht, mit allen Konsequenzen. Große Entscheidungen, durchgezogen mit allen Konsequenzen, währten so um die zwölf Monate. Dann machte man etwas anderes. Oder das vorige, nur besser. Ausgefeilter.
Eine Sache, für die ich mich ein paar Jahre vorher entschieden hatte, dauerte zwanzig Monate: mein Zivildienst in einem Krankenhaus in einer Kleinstadt. War nicht schön, war unvergesslich. So wie ein gemeiner Soldat erhielt ich jeden Monat 300 Mark. Immerhin musste man im Schwesternwohnheim keine Miete berappen, auch Nebenkosten kamen frei Haus, und für etwas mehr als 10 Mark Tagessatz musste ich jedes zweite Wochenende arbeiten. Betten schieben, Betten beziehen, Betten putzen. Als Zubrot gab es ab und an einen so genannten Ex, das war eine Leiche, abgestellt im Treppenhaus, die wuchtete man mit einem anderen Zivi vom Bett in einen so genannten Silberpfeil aus Aluminium. Dann ein frisches Bettlaken über den Deckel, und das schob man zum Lift, an der Pforte vorbei über den Hof in den so genannten Kühlschrank.
Vieles, womit man da so zu tun hatte, hatte Spitznamen, so genannte Euphemismen, derer man sich bediente wie mit den Gummihandschuhen. Man zog sie an, ohne darüber nachzudenken, sie isolierten, dann zog man sie aus und warf sie in den dafür vorgesehenen Mülleimer. Vorher noch rübergewuchtet vom Silberpfeil auf eine Bahre. Nach der Matratze mit Gummiüberzug nun kalter Marmor, ans Fußgelenk einen Pappzettel mit dem Namen, in der Pforte etwas Papierkram, und dafür erhielt man am Monatsende DM 6,80 extra. Was man sich davon kaufen konnte, weiß ich nicht mehr. Für Platten gab ich am liebsten DM 9,90 aus, und so waren sie dann auch: alt, eher Schnee von gestern, aber immerhin das: Schnee. Sound. Cool.
Irgendwann hatte mir Alex G. eine Kassette gegeben, ein Demo von einem, den er für eine echt große Nummer hielt. Alex G. war etwas älter als ich. So wie einige zu der Zeit, hatte auch er gehört und geliebt, wie in England neue junge Typen ankamen, Gitarren nahmen und spielten, als hätte es New Wave nie gegeben: mit Gitarren, viel Gitarren, vor Marshalls, Türmen an Verstärkern und Boxen. Handwerklich versiert, mit einer Power, wie man sie nur erreicht, wenn man sauber und diszipliniert und ordentlich spielt. Gar nicht so anders wie Klassik. Zwischendrin ein wenig Raum für Improvisation, vielleicht ein oder zwei Takte lang, ansonsten mit allen Mitteln und gemeinsam in eine Richtung stoßend. Power. Heißer Stoff. Für lange Nächte in Kleinstädten.
Alex G. mochte diese Band, die, als sie rauskam, vor allem wahnsinnig jung war. Fünf Typen, dieselben Gesichter wie unsere Klassenkameraden, lange und längliche Haare wie wir und - so anders als Led Zeppelin oder Black Sabbath -, in Jeans und T-Shirts, auf denen dann stand, was man verstand: JUDAS PRIEST, AEROSMITH ... Es war eine Neue Welle, es war die NWOBHM, und nach einigen Jahren war sie nun wie alle Wellen in allen erdenklichen Ecken und Buchten bis ans Festland geschwappt. Auch in Castrop-Rauxel, in Offenbach und in Viernheim. Sie hatte alles Mögliche mitgerissen, sie hatte Leute umgehauen. Und Rock war orientierungslos, arrivierte Kritiker und Schreiber lamentierten seinen Niedergang, in ihren Augen war Hard Rock passé. Ohren hatten sie ohnehin keine. Denn Rock war zu der Zeit irrsinnig aufregend, da vielseitig.
1987: Whitesnake hatten mit monumentalem Sound und starken Referenzen an die vor Jahren abgestürzten Led Zeppelin die US-Charts aufgeknackt. Woanders ackerten ungekämmte Fans der NWOBHM an Thrash Metal, in den Turnhallen so genannter dreistelliger Postleitzahlengebiete ballerten Metallica vor größer werdendem Publikum, im Kohlenpott rockten Sodom und Kreator, Helloween begeisterten sogar Mädchen, wie man sie bei Rockkonzerten seit Jahren nicht gesehen hatte (ja, Michaela, hab ich nicht vergessen ...). Und in den Kellern von West Hollywood fummelten Axl, Slash und ein paar andere an einer Wundertüte, die alten Hardrock mit Stümperhaftigkeit, Punk mit Arroganz und Metal mit attitude kombinieren sollte.
Ja, und zu der Zeit gab mir Alex G. diese Kassette. So wie Götz K. und Holger S. und Oliver K. und etliche andere hörte und liebte er nicht nur alles, was Gitarren hatte, er schrieb auch darüber. Auf der Schreibmaschine, jedesmal, wenn er beim Bund nicht gerade Panzer einbuddeln und ausbuddeln und vergraben musste. Genauso wie einige der Bands wuchsen, wie irgendwer von Exodus zu Metallica ging, ein anderer von Hollywood Rose zu LA Guns, genauso wie sich zu der Zeit Glamrocker mit Punkern versöhnten, genauso wurden einige der Fanzines zu richtigen Zeitschriften, kreuzten sich die Wege dieser Schreiber. Die arrivierten Kritiker und Magazinmacher schauten recht doof aus der Wäsche. Aber es wurde auch viel gelästert und geätzt, über den dämlichen Geschmack des einen, die Frisur des anderen, schließlich auch über Karriereentscheidungen. Große Entscheidungen vom kleinen Glück, kleine Schritte zum Paradies oder Bankrott auf Raten.
Nach Feierabend traf ich jedenfalls den Gitaristen. Bernie Anthony nannte er sich auf seiner Demo-Kassette, einem echten Soloprojekt. Er hatte mit seinem Bruder an der zweiten Gitarre, Sänger, Basser, Drummer, plus Keyboarder (!), ganz gefährlich in meinen Augen und Ohren, eine Band. Abseits davon wollte er nun sein eigenes Ding durchziehen. Ich wollte auch etwas Richtiges machen, hatte mir die Kassette ein paar Mal angehört, meistens mit Trommelstöcken in der Hand. Ich hatte mir, das schien der Situation und dem Menschen zu entsprechen, ein weißes Jäckchen angezogen, das Schulterpolster hatte. Sah ein bisschen wie eine Uniformjacke aus, echtes so genanntes Poser-Material, das ich sonst nur trug, wenn ich für Bewerbungsunterlagen Fotos machen ließ.
Dann traf ich ihn in einer Kneipe in 694 Weinheim. Soweit ich mich erinnern kann, stand er vor allem auf diese sehr seriösen Handwerker des Rock, die trotz krachenden Akkorden auch immer eine Schwäche für die schönen Dinge im Leben haben. Ich meine, er mochte, was meine Leidensgenossen Lockenwicklerbands nannten, Sachen wie Loverboy, vielleicht auch Bon Jovi, auf jeden Fall Van Halen und zwar inkl. 1984. Man nannte das AOR, und ich war eher einer von denen, für die die schönen Dinge so unerreichbar oder uninteressant waren, dass auch den krachenden Akkorden eine andere Bedeutung zugrunde lag.
Was sich in den Proberäumen der Bay Area und Tampa tat, was in West Hollywood angestimmt wurde, konnte ich nicht kennen, wohl aber, was auf den T-Shirts von Def Leppard stand. Und zu den Kellern, in denen Guns N'Roses ihren Joint aus attitude, Überheblichkeit und Wut bastelten: Ich kannte sehr wohl und mochte eine Band, die vom selben Management betreut wurde, auch retro-orientiert, heute völlig vergessen. Auch das Leute, die das mit den Haaren entweder nicht so wichtig fanden - oder einfach nicht hinbekamen. Musiker, die sich auch deshalb dem Blues zuwandten. Rocker, aber mit Hendrix im Hinterkopf; und »Red House« auf der B-Seite ihrer »12«. Bernie und ich, wir waren im Vergleich zu allen anderen in der Kneipe wie eine Einheit, Rocker, Musiker, das, was man auf Musikersuche in Kleinanzeigen »ambitioniert« nannte. Semi-professionell.
Lachhaft? Wie die Frisuren, die Plattensammlungen, die Schulterpölsterchen? Ja, ja. Kann gut sein, dass andere weniger lachhaft waren, richtiggehend seriös. Jene, die sich mit Bausparvertrag, angesagter Frisur und Mittelklassekombi in die Oggersheimer Wende einzuklinken versuchten.
Schon klar. Ich kannte auch damals Leute, die davon schwärmten, die damit angaben, Indie-Musik zu hören, die nach Westberlin fuhren, um dort eine Nacht lang zu lauter Sachen zu tanzen, die sie vorher noch nie gehört hatten, echt!, voll indie. Diese Leute, die einem weiszumachen versuchten, sie hätten eine inzwischen wichtige Band gehört, als sie noch keiner kannte. Klar, sollen nur lachen. Während ich mir so überlegte, wie sie das wohl anstellten, solche Bands vor allen anderen zu hören, wenn die Band aus Minneapolis oder Manchester oder Athens/Georgia kamen und ihre Songs auf käuflich erwerbbaren Schallplatten veröffentlicht hatten.
Bernie und ich, wir waren nicht geeint genug. Vielleicht erschien ich ihm nicht talentiert genug, vielleicht ahnte er, was sicher stimmt, dass ich mich nur begrenzt verbiegen kann, dass wir früher oder später auf sehr große musikalische Differenzen gestoßen wären. Vielleicht fand er es, wie einige Rocker zu der Zeit, erbarmungslos daneben, dass ich mit einer statt zwei Bass-Drums spielte - eine Sache, die nach dem Giga-Erfolg von GNR zur neuen Norm wurde. Kann auch gut sein, dass wir einfach zu sehr auf dem für das Alter oder diese Zeit damals üblichen und doch vollkommen bescheuerten Trip waren, wo man nur mit dem Musik machen will, dessen Plattensammlung man kennt und versteht und schätzt.
Es war jedenfalls eine Zeit, in der Rock in viele Richtungen zerrte, in der eine Band hinging, die unbezwingbaren Defenders of the Faith, und mit den Pop-Producern Stock/Aitken/Waterman, berüchtigt und berühmt durch Bananarama, ein paar Sachen aufnahm. Die Songs dieser bizarren wie vergessenen Kooperation, dieser von vornherein verdammten und danach verschütt gegangenen Liaison hießen I Will Return, You Keep Giving Me The Runaround und You Are Everything. Letzteres war von den Stylistics. Judas Priest wurden für die bloße Überlegung, in Richtung Pop und Radio zu schielen, in Grund und Boden geflucht.
Ich kann mich irren, aber ich glaube, mit solch religiösem, solch puritanischem Eifer habe ich mich und meine Sache nicht verteidigt, aber Loverboy, diese in die 80er so wunderbar passende perfektionistische Designversion von Rock, das war trotzdem nicht mein Ding. Und Bernie ... vor allem erinnere ich mich, dass er sehr ehrgeizig, sicher auch gut war, dass ihn das Handwerkliche eventuell mehr faszinierte als das Emotionale. Also, auch aus Sicht einer Plattenfirma hätten damals die meisten, vor allem die Klugen, eher auf ihn als auf mich gesetzt.
Und dann verabschiedeten wir uns, er ging seines Wegs, ich stiefelte zurück ins Schwesternwohnheim, um an meiner Schreibmaschine zu feiern, dass Aerosmith erstmals seit Ewigkeiten zu neuen Höhenflügen ansetzten. Die Trommelstöcke nahm ich danach noch ein paar Mal in die Hand, auch vor den Augen von Plattenfirmen, doch das Tippen schien besser zu laufen.
Auch für Bernie A. lief es gut, Hoffnungen und Träume wurden genährt, er ging nach Orange County, spielte Sessions, war ein paar Mal ganz nah dran, nehme ich an. Er modifizierte seine Erwartungen an das Paradies auf Erden, änderte Gitarren, Geschmack und Garderobe. Klar, alles ganz normal. Während der unmittelbar auf unser Treffen folgenden Jahre stellte sich jedoch heraus, dass im Roulette von Fortuna zunächst ich besser positioniert war. Würde ich sagen.
An den mir nahen Tischen kamen nun Glück und Ruhm zum Zuge. Der Einsatz blieb oft derselbe, doch die Gewinne stiegen, in einigen Fällen ins schier Unermessliche. Ich wechselte die Farben und die Karten, erreichte als Musiker wenig, was sich in Plattenregale stellen ließ, auf anderen Bühnen aber ganz okaye Überraschungserfolge. Und er verfolgte wohl weiter, was ihn antrieb.
Heute, fast zwanzig Jahre später, ich also doppelt so alt wie damals, nahm ich beim Aufräumen einen Stapel Schallplatten, hämmerte den scheibchenweise in die Regale, wie man das mit CDs gar nicht machen kann, und da geriet mir die Platte von Bernie und seinem Bruder in die Hände. Blaues Vinyl. Blast from the Past. Vier Songs. Seinen Nachnamen hatte ich ganz vergessen. Nicht sein Gesicht, nicht seinen Ehrgeiz. Also googelte ich im Internet nach dem Namen. Und es gab einiges.
Da war ein Foto von einer Firma namens GNR, Golden Note Records: statt der knallgrellbunt lackierten Charvel im Van Halen-Look hielt er eine klassische Fender Strat, wie es sie schon gab, noch bevor wir geboren wurden. Sein Lächeln: Wunderbar, wie von jemandem, mit dem man gern ein paar Bier zischen würde, auch wenn man unterschiedliche Plattensammlungen hat. Auch sonst: gut in Schuss. Er hatte schon mal nicht so viele Haare gelassen wie Götz K. oder ich. Der Name der Band, 5AM, deutete auch eine coole Richtung an - von jemandem, der wusste, welche Seite von Mitternacht die interessantere ist. Irgendwo war die Rede von einer Dire Straits Coverband - was wieder mehr in die für mich nicht so ganz hinnehmbare Richtung ging.
Und irgendwo stand bei den Suchresultaten, hinter dem fett angezeigten Namen: »gest. 1.3.2005«. Alex G., der andere Karriereentscheidungen traf als die meisten von uns, war leicht zu kontakten. Er hat sich auch geändert, und man sieht ihm an, dass er auf einem Weg ist, der ihm passt. Alex G. wusste Bescheid. Bernie, so hat er mir gemailt, hat sich umgebracht. Nach langen Phasen der Depression. Da bleibt einem doch die Luft weg.
Später, zwischen damals und heute, in den achtzehn Jahren, in denen Hoffnungen stumpfer und Sounds ausgeträumt wurden, ist viel passiert. Einer ging in den Osten, wurde Teppichhändler, ein anderer nach Manchester, Oliver K. und Götz K. schlugen, nur wenige Jahre nach 1987, unterschiedliche Richtungen ein. Der eine zog nun mit Holger S. in eine Richtung, der andere eine Plattenfirma auf. Alles von mehr und weniger Erfolg beschieden, das Glück in kleinen Portionen, Paradies und Hölle auf Raten.
Während ich so über Erfolg und erreichte Ziele nachdenke, tönt aus dem offenen Küchenfenster der Nachbarn das aktuelle Radioprogramm. Läuft und läuft, als wäre alles wie immer. Eine komische Zeit, das hier. Die Musik wieder unübersichtlich, ein vorherrschender Trend ist nicht zu erkennen. Und gelegentlich, gelegentlich drückt einem ein guter Freund eine gebrannte CD in die Hand und in all dem Einerlei ertönt ein donnernder Lichtblick. Alles schon dagewesen, sicher - und doch völlig anders. Auch live vollkommen unvorhersehbar - wobei der Nachgeschmack, dass sie mich nicht richtig mitnahmen, jetzt ein anderer ist. Es war am 1.3.2005, dass ich Mars Volta live sah.
|
|
Zitat
Der Name der Band, 5AM, deutete eine coole Richtung an - von jemandem, der wusste, welche Seite von Mitternacht die interessantere ist.
Erschienen in
Morgana Beat -
Anthologie Nr. 1
Hrsg. Frank Bröker und Maria Carfagna
Morgana Verlag, Leipzig 2007
ISBN 3-94025-112-7
Weitersagen
|