Von Sven Steinert
Ich habe mich überreden lassen. Als Sportfan ist das nicht schwer, nur habe ich in den letzten Jahren ausschließlich exzessiven Telesport betrieben. Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann ich ohne Probleme und ausdauernd Fussball, Tennis, Boxen, Formel 1 und ähnliches schauen.
Und das ohne zu schwitzen.
»Komm, du musst doch nicht rennen. Kommst einfach mal zum Training, machst ein bisschen mit. Wir haben ja einen Torwart, du musst ja auch nur im Notfall ran.«
So erklangen die Worte des bis dato Freundes und Co-Trainers in Personalunion.
Was war passiert? Wider besseres Wissen hat sich der Fussballverein in meinem Ort entschlossen, eine zweite Herrenmannschaft zu gründen.
Versucht wurde dieses schon einmal vor drei Jahren, scheiterte aber an elf freischaffenden Trainern und Mangel an Spielern.
Dieses Mal sind sie schlauer. Sie haben einen professionellen Trainer. Gehört habe ich von ihm schon jede Menge die letzte halbe Stunde. Kein Wunder, er ist der Vater des Co-Trainers. Dieser hält viel von ihm. »Vor Jahren hat der schon die 1. Herren trainiert. X-mal aufgestiegen. Der kann richtig was. Der holt alles aus der Mannschaft raus.«
Die Mannschaft, das sind ca. vierzehn 18- bis 20-jährige Jungs. Und ein alter Sack. Das bin ich.
Als ich am Dienstag gemütlich zum Vereinsheim laufe, sehe ich, wie besagte Jungs davor stehen und rauchen. Es ist kurz vor 19.00 Uhr. Trainingsbeginn ist um 19.00 Uhr. Keiner ist umgezogen.
Vor der Treppe zu den Kabinen steht ein älterer Mann. Ein General, das sieht man sofort. Er ist eher klein. Die Figur schmächtig, der Bauch prächtig; wie man so sagt. Zumindest wölbt er sich ganz schön unter dem Altherrenshirt. Der Bauch.
Die Hände liegen auf dem Rücken – in- und übereinander – und warten auf Befehle. Es sieht chefmäßig aus.
Ich stelle mich vor. »
Hallo, ich bin der Sven, ich soll hier mal mittrainieren. Ihr braucht wohl noch Erfahrung, haha.«
Das ist es, was ich sagen will. Es kommt aber anders. Der Co-Trainer sieht mich aus dem Inneren des Klubhauses, springt die vier Stufen der Treppe hinunter, nimmt mich – ungachtet meiner Homophobie – in den Arm, entlässt mich, legt dann wieder einen Arm um mich, lehnt lässig an meiner Schulter und sagt stolz:
»Das ist der Sven. Der will mal mittrainieren und vielleicht dann den Torwart machen. Gell, Sven?«
Dabei schaut er mich an. Ich wusste gar nicht, dass man den Torwart »machen« kann und sage das auch.
»Der ist gut. Haha. Ich geh dann mal wieder und besprech das mit meiner Frau.«
Niemand lacht. Unverständnis, die mich in Erklärungsnot bringt. »Machen? Mit Frau? Kleinen Torwart? Naja, nützt euch dann aber auch erst was in ein paar Jahren.«
Niemand versteht meinen Humor. Der General hat die Hände immer noch auf dem Rücken. Der leichte Wind bringt den schlohweißen Haarreif auf seinem Kopf durcheinander. Immerhin, er lächelt. »Na denn, Jungs«, sagt er, »geht euch dann mal umziehen und ab auf'n Platz!«
In der klaustrophobischen Enge der Umkleidekabine versuche ich meine Hose zu wechseln. Die paar Plätze auf den Bänken sind schon besetzt, also bleibt mir nur ein halber Quadratmeter Betonfußboden, auf dem ich auf einem Bein hüpfe und versuche, die Füße aus der Hose zu bekommen. Dabei muss ich darüber nachdenken, ob man eigentlich die Beine und die Füße aus der Hose nimmt oder eher die Hose auszieht. Also, die Hose von den Extremitäten entfernt. Die Beine entfernen geht ja nicht.
Es stinkt. Erst denke ich panisch, ich hätte mir nach der Arbeit doch andere Socken anziehen sollen und grinse den jungen Mann hinter mir schuldbewusst an, merke aber bald, dass der Geruch eher ein Kabineninterner ist. Also quasi vollständig die Luft innerhalb des Raumes penetriert. Das schaffen nicht mal meine Füße so schnell.
Noch etwas: Ich habe vergessen, wie sehr ich das Klackern der Stollen auf dem Steinfußboden mag. Es erfüllt mich mit Stolz, macht mich zu etwas Besonderem. Nicht alle können so klackern. Im Fernsehen hört man das ja nicht so. Die dämpfen das eher weg. Und auf dem Rasen klackert es ja auch nicht.
Schweren Schrittes, damit das Klackern besser kommt und langsam, damit ich es länger höre, gehe ich zum Platz.
Der General steht schon dort und empfängt mich aus der Entfernung. »Ein Fußballspieler geht nie. Minimum ist Traben.«
Ich trabe also die letzten Meter. Auf dem Rasen stelle ich mich ein kleines Stückchen weiter weg, jedoch in des Trainers Blickfeld, und fange vorschriftsmäßig mit Dehnübungen an. »So, Jungs. Zum Aufwärmen laufen wir dann mal ein bisschen den Platz hoch und runter.«
Nach kurzer Zeit kenne ich den Unterschied zwischen Warmmachen (18 Lebensjahre) und versuchtem Mord (38 Lebensjahre).
Ich beschließe, dass Steigerungsläufe für einen Torwart nicht viel Sinn machen und bleibe prustend stehen. Der Trainer kümmert sich um mich. Mit den Händen auf dem Rücken und dem Bauch vor meinen Augen. Ich stehe dort leicht gekrümmt, mit meinen Händen auf den Knien und sauge so viel Luft aus der Atmosphäre, wie ich kann.
»
Na?« Fragt er.
»Kann.« (Schnaufen) »Nicht.« (Pause) »Keine.« (Husten) »Luft mehr.«
»Das gibt sich nach ein paar Einheiten. Dann geh mal Dirk suchen. Der schießt dich ein.«
Er dreht sich um und gibt den anderen weitere Anweisungen. Das gibt mir die Gelegenheit, seinen Befehl zu ignorieren und an die Außenlinie zu wanken. Ich brauche meine Wasserflasche.
Aus dem Windschatten kommt Dirk und tätschelt mir freundlich den Rücken. »Nach ein paar Mal Training geht das schon. Stell dich mal ins Tor. Ich schieß dir mal ein paar Bälle auf Mann. Musst nicht viel machen. Nur fangen. Haha.«
Ich schaue ihn böse an, gehorche aber. Schließlich ist er Co-Trainer. Er schießt vom Elfmeterpunkt aus. Die ersten zwei Bälle gehen einen Meter an mir vorbei. Da er gesagt hat, er schießt mich an und nicht an mir vorbei, ignoriere ich sie.
Der dritte kommt tatsächlich auf mich zu. Bauchnabelhöhe. Ich strecke die Hände aus, Handflächen nach oben, zusammengelegt wie zu einer Wiege. Der Ball fliegt tatsächlich in meine Arme, aber bevor ich die Arme hochreißen kann, um ihn festzuhalten, glitscht er schon wieder raus. »Das üben wir aber nochmal. Haha. Fang ihn mal richtig, so mit ausgestreckten Händen nach vorne. Und schön festhalten.«
Er schießt wieder, ich fange. So wie er gesagt hat. Sofort merke ich einen ekligen Schmerz. Der Ringfinger meiner linken Hand vibriert. So kommt es mir vor. Ich lasse den Ball fallen und halte meine Hand. Mitleid bekomme ich nicht. »Hast du Gichtkrallen, oder was? Die Finger gerade halten. Das tut doch weh sonst.«
Ich weiß das.
Er schießt weitere Bälle, die ich halte. Der Schmerz ist dumpf. Halt eklig, aber nicht heftig.
Nach weiteren Versuchen ruft der Trainer uns zusammen und will ein Trainingsspielchen machen.
Der »erste« Torwart geht in Tor. Ich darf bei denen mit Leibchen spielen. Im Gegensatz zum Profifußball heißt das für sie nicht, dass sie am Sonntag nicht spielen dürfen. Für mich heißt es aber, dass ich mir ein mobiles Tor selber vom Spielfeldrand holen muss, welches schließlich in Höhe des Mittelkreises aufgestellt wird.
Beim Spiel selber halte ich tapfer mit, aber nach einer Viertelstunde pfeift der Trainer ab.
Ihm ist aufgefallen, dass ich mir zwischendurch immer wieder die linke Hand halte, und er fragt, was denn sei.
Ich schaue verwundert. Muss ich im Unterbewusstsein gemacht haben.
Mein Adrenalinspiegel ist auf Hundertachtzig, wir führen mit 4:3 Toren. Ich bin heiß.
»Zieh ma aus, da.«
Mein linker Ringfinger ist total blau. Ich bin mir sicher, dass das vordere Glied des Fingers beim Zuziehen der Haustür heute Abend noch nicht so ausgesehen hat und wundere mich über den rechten Winkel besagten Gliedes. »Tja. Das Spiel ist aus, wenn der Finger durch ist. Geh ma duschen dann.«
Nach diesen Worten dreht er sich um. Ich klackere zurück ins Sportheim.
Der Mann ist für mich eine Koryphäe. Nächste Woche bin ich hundertpro dabei.
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Zitat
Die Mannschaft, das sind ca. vierzehn 18- bis 20-jährige Jungs. Und ein alter Sack. Das bin ich.
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